Azorenhoch mit Meerestiefen

Autorin: Elisabeth v. Goessel
MCT – Verlag, ISBN 978-300-033369-9
Preis: 14,90 Euro, zzgl. Versandkosten

Leseprobe

2. Anfrage bei der Umweltbehörde der Azoren
„I’m sorry, I don’t speak Portuguese!“, versuchte Carlotta dem reservierten
Herrn von dem Departemente do Ambiente am Telefon klar zu machen,
dass er Englisch sprechen müsse. In dem etwas holprigen Telefonat wollte
sie herausfinden, warum die Regierungsstelle der Azoren für Umweltschutz
ihr das Leben so schwer machte. Schließlich will sie keine artengeschützten
Wale fangen, sondern nur Unterwasseraufnahmen von ihnen machen.
Mit einem Seufzer legte sie den Hörer des altertümlich wirkenden
Telefons auf die Gabel. Es war zwecklos gewesen, die Umweltschutzbehörde,
oder vielmehr dieser Herr Abreu, bestand auf persönlichem Erscheinen in
Horta, drüben auf der Insel Faial.

Verärgert band sie sich ihren kastanienbraunen Lockenschopf zum Pferdeschwanz
zusammen und schlüpfte in die Sandalen, die Stöckelschuhe hatte
sie wohlweislich in Berlin gelassen. Um etwas Dampf abzulassen, verließ sie
das sympathische grün-weiße Häuschen von Claudias Freundin, um hinunter
nach Madalena zu laufen.
Ein Blick hinüber zum Vulkan Pico versicherte ihr, sie würde keinen
Schirm brauchen. Der Pico zeigte nur eine kleine Wolke unterhalb des Gipfels,
gewissermaßen ein Anstandswölkchen, um nicht völlig bloß in seiner schroffen
Felsmasse dazustehen. Aber das konnte sich schnell ändern, soviel hatte
Carlotta in den wenigen warmen Julitagen auf den Azoren schon gelernt.
Die Einheimischen hatten ihr den charakteristischen Spruch beigebracht:
‚Wenn dir auf den Azoren das Wetter nicht passt, dann musst du nur die
Straßenseite wechseln. Dort ist anderes Wetter!‘

Unten am Hafen von Madalena angekommen, schaute sie hinüber nach
Faial, der lieblichen Insel. Sie beschattete die Augen mit der linken Hand,
um nicht von der Sonne geblendet zu werden. Vor ihr lag das ruhige blaue
Meer, der Leuchtturm bewachte die Hafeneinfahrt und zeigte abfahrenden
Schiffen den Weg an den ufernahen charakteristischen Felsen vorbei, die von
den Einheimischen „Deitando“ (die Liegende) und „Em Pé“ (die Stehende)
genannt wurden, hinaus aufs offene Wasser.

„Eigentlich ein Klacks“, sagte sie wie zu sich selbst, „das Meer ist ruhig und
die Überfahrt dauert ja nur eine halbe Stunde!“ Mit Blick auf den Fahrplan
der Anlegestelle im Porto Novo stellte sie beruhigt fest: „Und morgen Abend
bin ich zurück, wenn ich gleich das erste Boot morgens nehme. Sicher gibt
es viele Menschen von hier, die drüben einkaufen oder ihre landwirtschaftlichen
Produkte drüben verkaufen wollen oder sonst was zu erledigen haben.
Die wollen ja auch wieder zurück!“
Um sich einen besseren Überblick zu verschaffen, stieg sie auf den Felsabsatz
oberhalb des Hafens. Hier im Club Naval gönnte sie sich einen
Espresso und schaute lange an den träge dümpelnden Segelbooten vorbei
hinüber nach Faial. Die Insel schaute von hier aus so reizvoll und verheißungsvoll
aus, dass sie ganz neugierig auf ihren kurzen Trip morgen früh
wurde. Was würde sie dort erwarten?

Genüsslich räkelte sie sich in ihrem Plastikstuhl – sie fühlte sich wohl auf
Pico, auf den Azoreninseln. Die Stimmung hier war so anders, als sie es
kannte und doch wieder so vertraut mit einem unerklärlichen Charme, dass
sie sich vorstellen konnte, für längere Zeit hier zu bleiben. Vielleicht gab
es einen Job in ihrem eigentlichen Beruf als Meeresbiologin? Vielleicht
könnte sie die unerfreulich gewordene Beziehung mit Manfred Manus auf
diese Weise elegant beenden, indem sie für einige Zeit von Berlin auf die
Azoren zog?

Die hellhörige Nacht wollte nicht zur Ruhe kommen und es dauerte lange,
sehr lange, bis alle Hunde zu Ende gebellt und die Grillen fertig gezirpt
hatten und auch der letzte Mopedfahrer genug davon hatte, den Motor seiner
Maschine aufheulen zu lassen. Doch irgendwann legte sich der Schleier der
Nacht wohltuend über die Schlafsuchende, nur im Unterbewusstsein spürte
Carlotta das aktive Magma des Vulkans unter sich in der Tiefe des Erdreiches.
Es verbreitete einen merkwürdigen Zwiespalt zwischen der nächtlichen Trägheit
und der angespannten Ruhe des vulkanischen Untergrunds.