Zwischendrin doch außen vor

Heimat, die fremd geblieben ist

Autorin: Elisabeth v. Goessel
Projekte – Verlag, ISBN 3-86634-067-2
Reduzierter Preis: 9,80 Euro, zzgl. Versandkosten

Die 12jährige Diana verbringt 1962 ihre Sommerferien bei den Großeltern im mittelalterlichen Nördlingen. Ein Eklat der Enkelin während des berühmten Scharlachrennens bringt die nach Flucht und Vertreibung mühsam wieder aufgebaute heile Welt der Großeltern gehörig ins Wanken.

Doch der Großvater entscheidet sich, das bisherige Familienschweigen über die für ihn so schmerzliche Vergangenheit zu brechen, um so die Macht der nicht-erzählten Geschichten und verdrängten Erlebnisse aufzulösen.

Die Enkelgeneration fragt die Großeltern: „Großvater, wie war das eigentlich damals?“ Die offen
und ehrlich beantworteten Fragen zum Familiengeschehen der Kriegs- und Nachkriegszeit machen den Weg frei in eine bewusst erlebte Gegenwart und Zukunft, frei von Opfer/Täter-Dynamik und vom häufig rückwärts gerichteten Wunschdenken vieler Heimatvertriebenen.

Leseprobe

Auf dem Wallersteiner Felsen, 1962

Alle hatten wenig oder überhaupt nicht geschlafen. Diana spürte eher als dass sie verstand: Ihr gestriger Ausrutscher hatte die gewohnte Ordnung durcheinander gebracht. Aber wieso? Eigentlich hatte sie nicht wirklich stehlen wollen, sie wünschte sich nur so sehnlich, solch eine wundervolle Reitergerte mit der schönen Lederverzierung am Knauf zu besitzen. Wahrscheinlich hätte niemand gemerkt, dass eine von den vielen Lederteilen abhanden gekommen war. Wenn nicht ausgerechnet der Fürst dazu gekommen wäre, als sie mit der Gerte in der Hand den Stall verlassen wollte. Die im Lederteil eingearbeiteten Initialen zeigten unverkennbar, dass die Reitergerte zum Fürstlichen Stall gehörte. Wie peinlich das gewesen war, von ihm erwischt zu werden. Sie wurde jetzt noch rot bei dem Gedanken daran.

Am gemeinsamen Frühstückstisch wurde kaum geredet, aber dass die Großeltern bedrückt waren, das konnte sie schon deutlich bemerken.

„Ich begleite dich heute zu deinem schwierigen Gang in den Fürstlichen Reitstall“, begann der Großvater.

„Aber Opi, muss ich denn wirklich dorthin gehen? Wofür soll ich mich eigentlich entschuldigen, ich hab’ doch gar nichts gemacht!“

„Oh, das sehen wir aber anders! Und du bist alt genug, um zu verstehen, welche Auswirkungen solch ein Fehlverhalten nach sich ziehen kann!“ entgegnete der Großvater in solch ungewohnter Schärfe, dass Diana zusammenzuckte und ihn mit großen Unschuldsaugen anblickte.

„Walter, du verschreckst das Kind, wenn du so mit ihr sprichst!“ versuchte die Großmutter zu vermitteln.

„Ich bin kein Kind mehr!“ sagte Diana bockig. „Genau das meinen wir eben auch, du stehst an der Schwelle zum Erwachsenwerden und deshalb haben wir heute Nacht nach vielem Hin und Her beschlossen, dich in die Familiengeschichte einzuweihen, damit du Einiges im Leben besser verstehen kannst.“

„Was meinst du damit?“ fragte Diana erstaunt, aber an ihrem Gesichtsausdruck bemerkte der Großvater sofort, dass er ihr Interesse geweckt hatte.

„Genau damit möchte ich nach dem Reitstallbesuch beginnen, aber glaube ja nicht, dass mir das leicht fallen wird. Die altern Geschichten tun immer noch weh“, murmelte der Großvater mit plötzlich ganz vielen Falten im Gesicht.

„War es denn wirklich so schlimm früher, nach dem Krieg? Ihr habt nie davon erzählt. Was war da eigentlich?“

Der kritisch fragende Geist seiner Enkelin war geweckt und das gefiel dem Großvater ungemein. Welch unbedeutende Rolle spielte es da schon, wenn alte Wunden wieder aufrissen. Sie konnten auf diese Weise auch wieder heilen.

Schweigend stiegen sie die steilen Stufen zum mächtigen Felsen hoch, der sich mitten im kleinen Ort Wallerstein erhebt. Bald sahen sie unter sich das Fürstliche Schloss und die berühmte Reitschule. „So schlimm war es dann eigentlich doch nicht“, dachte Diana in Erinnerung an die vorangegangene halbe Stunde, „der Fürst war richtig nett gewesen und hat uns seine prachtvollen Pferde mit Stolz gezeigt. Wenn ich doch einmal auf solch ein Pferd steigen dürfte oder wenn ich sogar reiten könnte!“ fuhr sie mit ihrem Gedanken fort.

„Na ja, ein bisschen peinlich war es schon, als ich mich entschuldigen musste. Aber eigentlich hatte ich gar keine Angst, weil mein Großvater bei mir war“.

Sie schnupperte die laue Sommerluft, die nach Kräutern und vertrocknetem Gras duftete. Das laute Zirpen der Grillen begleitete sie überall hin. Ein ganzer Schwarm gelb-schwarzer Schmetterlinge umflatterte sie.

„Schau mal, das sind Schwalbenschwänze, eine ganz seltene Art, die sind hier oben am Felsen zu Hause“, erklärte der Großvater. Noch ein paar Schritte und sie gelangten auf das Plateau.

„Hui, ist das ein toller Ausblick!“ entfuhr es ihr, „man kann rundum blicken, überall die Dörfer von Feldern umgeben und dazwischen der Wald. Und da!“ sie zeigte mit dem ausgestreckten Zeigefinger einmal im Kreis herum, „überall ist der Kraterrand zu sehen, wie schön das alles ist!“

„Ja“, fing der Großvater an, „deshalb bin ich mit dir hierher gegangen. Stell dir vor, wie über viele Jahrhunderte hinweg die Menschen den beiden Handelsstraßen folgten, von Nord nach Süd, von Ost nach West und umgekehrt.“ Er wedelte großzügig mit beiden Armen, um die Himmelsrichtungen anzudeuten.

„Und dort in Nördlingen, du kannst den Daniel gut sehen, dort kreuzten sich die Handelsstraßen. Sie alle zogen hier durch, um zu handeln oder auf der Suche nach einer neuen Bleibe, oder auch um Krieg zu führen. Sie durchstreiften diese Gegend im Guten wie im Bösen. Man kann es von hier oben förmlich spüren“.

„Und was hat das alles mit deiner Geschichte zu tun?“ unterbrach Diana etwas ungeduldig.

„Gemach, gemach, meine Liebe, die Ungeduld der Jugend sei dir zwar grundsätzlich zugestanden, aber hier musst du doch etwas mehr Geduld als sonst aufbringen!“

„Ja, will ich ja, aber ich kapier den Zusammenhang nicht!“

„Ich will deinen Sinn schärfen“, erklärte der Großvater, „stell dir vor, es wäre Sommer 1945, also vor 17 Jahren, auch damals war es ein heißer Sommer. Der Krieg war zu Ende und Millionen Menschen waren unterwegs. Sie waren auf der Flucht vor Krieg und Zerstörung irgendwo hängen geblieben, sie versuchten, ein neues Bleibe zu finden, weil sie aus ihrer Heimat vertrieben worden waren oder aus sonstigen Gründen. Stell dir diese von Hunger und Entbehrung ausgemergelten Gestalten vor, als sie hier ankamen. Ob sie den besonderen Reiz der Landschaft überhaupt wahrnehmen konnten nach all den schrecklichen Erlebnissen? Ob sie die Kraft und die Energie spüren konnten, die von dieser Gegend ausgeht? Eine kosmische Energie, die der Komet vor 15 Millionen Jahren hinterlassen hat und dessen immerwährende Kraft des Neuanfangs noch deutlich zu spüren ist, denn das ist das übergeordnete Thema dieser Landschaft“.

„Und zu welchen dieser vielen Menschen habt ihr gehört“, versuchte Diana die großväterlichen Ausschweifungen, wie sie fand, etwas abzukürzen.

„Unsere gesamte Familie musste 1945 die Heimat in Tetschen-Bodenbach im Sudetenland verlassen. Wir fangen aber ganz von vorne mit der Geschichte an!“